Mein zweijähriges Studium am Sichuan Fine Arts Institute in China war eine Art Initiation für mich. In China hatte ich nicht nur die Möglichkeit, traditionelle Tuschmalerei zu lernen, sondern auch die enge Verbundenheit dieser Kunstform zu Daoismus und Buddhismus zu erfahren. Auch wenn ich mich in den letzten Jahren weniger der traditionellen Tuschezeichnung, sondern mehr dem Papercut zugewendet habe, sehe ich meine Arbeiten immer wieder im Kontext der Philosophie der Tuschezeichnung.

Als ich von China wieder zurück nach Deutschland kam, wurde ich häufig gefragt, warum ich Kiefern zeichne. Diese seien doch schon so oft in Asien dargestellt worden. Keine Frage könnte den Unterschied zwischen traditioneller, asiatischer Kunst und dem Westen besser aufzeigen. Die Tuschmalerei zielt nicht darauf ab, innovative Kunstwerke zu schaffen, sondern die grundlegende, menschliche Erfahrung der ständigen Veränderung der Welt darzustellen. Das Leben wird als fließende Bewegung zwischen zwei Polen begriffen, z.B. zwischen Tag und Nacht oder Leben und Sterben. Menschen sind eher selten in den Bildern zu sehen, eher wird diese Weltansicht durch eine große Naturverbundenheit ausgedrückt.

Auch in meinen Papercuts verschwindet der Mensch  scheinbar in zeichenhaften Formen der Natur. Es interessieren mich Muster, die weniger auf das Individuelle, als auf das Universelle zeigen. Ich suche nach tieferliegenden Elementen und Geschichten, die uns seit der Urzeit in kollektivem Unterbewußtsein verbinden. Die Leerstellen des Weggeschnittenen und die entstehende Durchsicht durch die Bildebene können dabei vielleicht, wie die oft großzügigen weißen Flächen in der chinesischen Malerei, auf andere Erkenntnisebenen hinweisen.

In einer Welt, die immer schneller wird, schätze ich an den Papercuts besonders die langsame Herstellungsart. Durch ihre Fragilität können sie auf ihre eigene Weise Zerbrechlichkeit darstellen.